«Gründer feiern wie Sportstars» | Venture

«Gründer feiern wie Sportstars»

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Thomas Knecht - Die Startup-Förderung ist heute ein Trendthema. Vor zwanzig Jahren war das noch ganz anders,  erinnert sich der Initiator des Venture-Programms.

INTERVIEW: STEFAN MAIR

Die Startup-Förderung findet in der Schweiz immer mehr Anhänger. Erst kürzlich wurde ein neuer Millionenfonds aufgesetzt. Sie waren der Pionier in der Schweizer Startup-Förderung mit dem Programm «Venture». Wie erlebten Sie die Gründerzeit des Programms damals?
Thomas Knecht: Traditionelle Kreise begegneten uns mit einiger Skepsis, gleichzeitig gab es bereits ein reges Interesse der jungen Gründerinnen und Gründer. Gleich in der ersten Austragung nahmen Firmen teil, die heute gestandene KMU sind, wie der Sensorenhersteller Sensirion, die vegetarische Restaurantkette Tibits oder die Biotech-Firma Esbatech, die später an Novartis verkauft wurde.

Wie hat sich die Gründerszene seither entwickelt?
Eine regelrechte Startup-Industrie ist in der Schweiz herangewachsen. Wenn jemand eine Firma gründen will, wird er oder sie breit unterstützt. Auch Risikokapital ist vorhanden, zumindest für die Anfangsphase. Selbst in einer breiten Öffentlichkeit ist dieser Weg heute sozial akzeptiert und unter den Studierenden gilt er als aufregende Alternative zu klassischen Karrierepfaden. Viele Studierende und Absolventen denken, dass eine Startup-Erfahrung durchaus den Stellenwert eines MBA erreichen kann. Und in der Corporate World gewinnt diese Sichtweise an Stellenwert. Früher galt das Mantra, dass Research prinzipiell intern betrieben werden müsse. Heute haben gestandene Firmen erkannt, was für eine enorme Chance es ist, wenn die Startups tausend Ideen ausprobieren und sie dann diejenige Firma akquirieren können, die sich durchgesetzt hat. Dieser Weg ist oft kostengünstiger und schneller als Eigenentwicklung.

Viele Schweizer Startups kommen in der Anfangsphase, oft auch durch Business Angels, schnell zu Geld. Bei grössere  Runden verlassen sie dann aber die Schweiz. Warum?
Die Schweiz hat gleich viele Einwohner wie Israel, doch die dortige Startup-Szene ist um einiges aktiver. In Tel Aviv sind einige grosse Risikokapitalfirmen ansässig, die auch «Late-stage»-Finanzierungsrunden über 20 Millionen stemmen können, auch dank israelischen Pensionskassen, die substanziell in Startups investieren. Ähnlich ist es übrigens auch in den USA. Bei uns beginnt das erst zögerlich. Wir haben da eine Lücke.

Wo müsste die Schweiz ansetzen, damit die hiesige Startup-Szene ihr Potenzial besser ausschöpfen kann?
Unser Steuersystem hat in Bezug auf die Besteuerung des Aktienwertes Nachteile für Gründerinnen und Gründer und es ist für die Startups schwer, ausländisches Talent in der Schweiz anzustellen. Diese zwei Punkte höre ich am  meisten, neben dem fehlenden Kapital für die Wachstumsphase. Bei der Besteuerung sind wir schon am weitesten. Der Kanton Zürich hat diese angepasst. Ich meine, weitere Kantone sollten folgen. Es ist wahrscheinlich wirksamer und günstiger, die Besteuerung anzupassen, als Steuergelder in die Jungunternehmerförderung zu investieren. Auf Bundesebene wurde ein Vorstoss kürzlich abgelehnt.

Und bei den zwei anderen Themen?
Bei der Talentfrage gibt es interessante Ansätze wie das «Startup Visum» nach kanadischem Vorbild, das Ständerat Ruedi Noser kürzlich präsentierte. Dieser Vorstoss kam nicht durch, aber das Problem scheint erkannt. Und bei Wachstumsfinanzierung hat eine erste Sammelstiftung Anfang Jahr begonnen, direkt in Startups zu investieren. Ich bin gespannt auf die Resultate.

In der Szene hört man immer wieder vom Problem, dass Schweizer Gründerinnen und Gründer zu schnell verkaufen. Ist das richtig?
Man sollte nie vergessen, wie klein die Schweiz ist. CB Insights, die renommierte Risikokapitaldatenbank, listet zwei «Unicorns » für die Schweiz auf, während in den USA 106 Firmen gezählt werden, die mit Wagniskapital finanziert sind und mit über 1 Milliarde Dollar bewertet werden. Doch pro Einwohner sind wir fast gleichauf mit Amerika. Länder wie die UK mit neun Unicorns, Deutschland mit vier oder Frankreich mit zwei haben nach dieser Sicht mehr Aufholbedarf als wir.

Wo sehen Sie die Schweizer Startup-Welt in zehn Jahren?
Je schneller sich das Innovationsrad dreht, desto mehr ist die Schweiz auf Startups angewiesen. Wenn ich Ihnen einen Wunsch mitgeben darf, dann den, dass die Medien unsere Gründerhelden ähnlich feiern sollten wie unsere Sportstars. Über Fussballer erscheinen grosse Portraits aus der Reha, aber sind Ihnen die Namen Patrick Amstutz von Molecular Partners, Julian Bertschinger von Covagen oder Giovanni Leo von Endosense geläufig, alles erfolgreiche hiesige Biotech-Unternehmer?

In den letzten zwanzig Jahren des Wettbewerbs haben 3500 Teams teilgenommen und 700 Firmen wurden gegründet. Wissen Sie, wie viele Firmen noch bestehen?
Eine frühere Untersuchung ergab, dass 85 Prozent der Venture-Gründungen die magische 5-Jahre-Marke überlebte. Das ist sehr hoch, nach gängigen Massstäben. Nach unserer Hochrechnung haben Venture-Alumni über 7000 Arbeitsstellen in der Schweiz geschaffen.

Was waren für Sie die beeindruckenden Erfolgsgeschichten?
Es gibt unzählige, aber die Geschichte der Biotech-Firma Glycart zeigt sehr gut, wie Venture funktioniert: Die Gründer entwickelten an der ETH eine innovative Technologie, die sich auf Krebszellen anwenden lässt, realisierten aber nicht, welches wirtschaftliche Potenzial darin schlummerte. Zum Glück kamen sie in Kontakt mit Venture, wo sie ein ehemaliger Ciba- Geigy-Forschungsleiter coachte und mit ihnen die Kommerzialisierung der Technologie ausarbeitete. Fünf Jahre später verkauften sie Glycart für 235 Millionen Franken an Roche.

Geben erfolgreiche Gründer ihr Wissen in Coachings im Rahmen des Programms weiter?
Ja, denn viele machten eine ähnliche Erfahrung wie Glycart: Venture spielte eine wichtige Rolle in der Entstehung ihres
Startups, sie fühlen sich dem Wettbewerb verbunden und möchten anderen jungen Menschen helfen, einen ähnlichen Weg zu beschreiten.

Sie kamen bei der Gründung von Venture aus der Beratungswelt. Engagieren sich die grossen Beratungsfirmen genug für die Startup- Szene – oder interessieren diese sich nur für die Big Player? Wäre eine Art Startup- Rabatt bei Beratungsmandaten denkbar?
Viele der grossen Beratungsfirmen engagieren sich heute stark in der hiesigenStartup-Szene. McKinsey & Co. ist ein Stiftungsrat von Venture und die Gewinner erhalten ein Gratis-Coaching von ihnen, das ist ein Teil des Preises. Generell bemerkt man eher, dass zwar kein Startup- Rabatt gewährt wird, aber dass Beratungsfirmen teilweise Aktien statt Geldvergütungen akzeptieren und damit einen Teil des Risikos übernehmen.

Sie führen die Knecht Holding, ein traditionsreiches Schweizer Reise- und Logistik-Unternehmen. Was haben Traditionsfirmen und Startups eigentlich gemeinsam?
Diese Grenzen verschwinden mehr und mehr. Gestandene Firmen kaufen und integrieren Startups, unsere hundertjährigen Banken stehen im Wettbewerb mit jungen Fintechs und auch die Karrieren sind heute durchlässiger. Einer der Glycart- Gründer leitet heute eine grosse Forschungsabteilung von Roche, der andere ist weiterhin in vielen Startups involviert. Wer in etablierten Unternehmen nicht in einzelnen Themen und Bereichen eine Startup-Mentalität etablieren kann, wird Schwierigkeiten haben. Die erforderlichen Anpassungen sind heute extrem herausfordernd.

Gibt es neue Schwerpunkte, die das Programm in den nächsten Jahren setzen möchte?
Die Schweiz ist traditionell sehr stark in den Life Sciences, das spiegelt sich bei unseren Teilnehmern. Doch wir wären
eigentlich auch für IT-getriebene Felderwie Big Data, künstliche Intelligenz oder das Internet of Things prädestiniert. Und
natürlich aufgrund des Finanzplatzes für Fintech. Ich hoffe, dass wir mehr Teilnehmer aus diesen zukunftsweisenden Bereichen rekrutieren können.

Gibt es auch Projekte, um die öffentliche Wahrnehmung der Startup-Szene zu verändern?
Ein zweites Ziel lautet, mehr Startup-Vorbilder zu schaffen. Dafür haben wir verschiedene Projekte gestartet. Ich hoffe,
dass Ihnen und einem breiten Publikum die Namen der Schweizer Zuckerbergs in zehn Jahren vertraut sind. Drittens
sind wir überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen Startups und etablierten Firmen verbessert werden kann. Hier
gibt es unnötige Reibungsverluste. Dafür «best practice» zu etablieren, ist ein weiteres Ziel.